Samstag, 6. Juni 2015

Ruhe und Erholung auf Sylt oder Dauerbespaßung rund um die Uhr?

Ein breites Angebot ist gut, weil die Wünsche der Gäste immer differenzierter werden, sagt der Touristiker. Die Insel entwickelt sich zu einem friesischen Vergnügungspark, sagen die Kritiker. Immer weniger Gäste seien in der Lage, die wahren Werte der Insel Sylt zu schätzen. Gästeinfo Ferienwohnung auf Sylt Sylter Deichwiesen
Wer Recht hat, das hängt von der persönlichen Insel-Wunschvorstellung des Betrachters ab. Klar ist – das Ferien-Verhalten der Menschen ändert sich. „Die Dauer des Urlaubs wird immer kürzer“, weiß der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann, „und gleichzeitig brauchen die Menschen immer intensivere Betreuung, um das Gefühl zu haben, im Urlaub zu sein.“ Er sieht die Gründe dafür auch in der anstrengenderen und fordernderen Arbeitswelt, mit der sich die Menschen heutzutage auseinander setzen müssen.
Früher hätten Urlauber auf Sylt tagsüber entspannt und dann das aufregende Nachtleben genossen. „Mit Quadfahrten und Fallschirmsprüngen holt man sich diese Aufregung des Nachtlebens auch in den Tag.“ Ununterbrochenes Entertainment – das muss nicht immer gut gehen: „Stichwort: Burnout.“ Während die Zahl der Menschen, die aktiv bespaßt – Wippermann nennt es: beurlaubt – werden müssen, stetig steige, gebe es gleichzeitig als Gegentrend diejenigen, die sich im Urlaub bewusst aus dieser Spaß-Spirale ausklinken wollen. „Eine Insel wie Sylt muss sich zwischen diesen beiden Polen ein Stück weit positionieren“.
Wie diese Positionierung aus seiner Sicht ausfallen müsste, wird aus den anschließenden Worten klar: „Wenn man die Natur zum Freizeitpark werden lässt, muss man sich der Konsequenzen bewusst sein.“ Mallorca sei so ein Beispiel, wo allen Beteiligten die negativen Folgen des Entertainment-Wahns erst sehr, sehr spät klar geworden sei. Jetzt versuche man dort, die Menschen wieder zurück zur Natur zu bringen.
„Die Natur?“, sagt Hartmut Schiller trocken, „die Sylter Natur interessiert doch viele Gäste gar nicht mehr.“ Für den Leiter der Akademie am Meer, der Volkshochschule Klappholtal, ist der Zug für die Insel ohnehin schon abgefahren. „Was echt ist, was echt war, gibt es doch auf Sylt gar nicht mehr.“ Der gebürtige Lister erinnert sich an frühere Zeiten: „Damals haben die Gäste in Fremdenzimmern gelebt – ich benutze dieses Wort jetzt mal ganz bewusst – und im besten Falle mit der Sylter Familie zusammen am Frühstückstisch gesessen. Dann ging es mit den Kindern an den Strand – auch wenn das Wetter mal nicht so toll war.“ Und viel mehr passierte an so einem Urlaubstag dann nicht mehr. Der in seinem Appartement oder Hotelzimmer isolierte Urlauber von heute dagegen sei „förmlich darauf angewiesen, sich von außen unterhalten zu lassen.“
Ganz so negativ sieht Bärbel Knochenhauer die Entwicklung nicht: Ja, sagt auch sie, natürlich habe sich das Urlaubsverhalten der Menschen mit der Zeit verändert: „Die Menschen versuchen, in wenig Urlaubszeit ganz viel rein zu packen.“ Gleichzeitig erlebe sie in ihren Sommerseminaren, die sie als Coach in Kampen gibt, einen gegenläufigen Trend: Menschen, die sich bewusst in ihrem Urlaub mit sich selbst beschäftigen, die sich aus dem Entertainment-Trubel raus nehmen. „Ohnehin findet auf Sylt auch heute noch jeder seine Nische, auch heute kann man hier noch ganz ruhige Ferien genießen.“
Davon ist auch Sylts Tourismus-Chef Peter Douven überzeugt. Ohnehin hält er die Aussage, die Gäste würden die Natur nicht mehr schätzen, für blanken Unsinn. „Und zum Vorwurf, wir würden uns zum Ballermann entwicklen: Davon sind wir meilenweit entfernt.“ Gerade bei den Außenveranstaltungen steige die Qualität kontinuierlich an.
Moritz Luft, Leiter der Sylt Marketing GmbH, sieht keine Verschiebung vom Natur- zum reinen Entertainment-Tourismus: Die Urlaubswünsche der Gäste seinen heutzutage differenzierter – dieser Tatsache würde man mit erweiterten Angeboten Rechnung tragen. So habe es vor zehn Jahren weniger Tagunsgäste oder Firmenreisen nach Sylt gegeben, für deren Rahmenprogramm beispielsweise eine Fahrt mit den motorisierten Seifenkisten interessant ist, die dieser Tage auf der Insel überall zu sehen sind. „Trotzdem bleiben Natur und Genuss weiterhin attraktive Gründe, warum Menschen die Insel besuchen.“ In Zeiten global sinkender Aufenthaltsdauer und einer steigenden Erwartung an den Kurzurlaub, sei es auch auf Sylt wichtig, den Gästen ein differenziertes Unterhaltungsprogramm bieten zu können
 

 

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